Die treffsichere Tradition von Suhl

Die treffsichere Tradition von Suhl
600 Jahre Waffenfertigung im Thüringer Wald

„Suhl trifft!“ Und das dürfen Sie, als Gast der Waffenstadt im Thüringer Wald, bitte doppeldeutig verstehen. 600 Jahre Waffenfertigung für Militär, für Jäger und Sportschützen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Nicht weniger als 48 Anlaufpunkte führt der thematische Innenstadtplan auf – noch produzierende oder ehemalige Stätten des Waffenhandwerks, Museen, Sehenswürdigkeiten und touristische Einrichtungen. Hier gibt es Deutschlands einzige Berufsschule für Büchsenmacher, das älteste Beschussamt des Landes, ein Schießsportzentrum und natürlich auch ein Waffenmuseum. Trifft sich gut, wenn Sie ein wenig Zeit mitbringen.

Autorin: Susann Winkel

Sechs Kilogramm Gewicht und 147,5 Zentimeter Länge mussten Musketiere im Dreißigjährigen Krieg im Griff haben. Wenn sie denn mit Militärmusketen aus Suhler Fertigung schossen. Und das konnten nur geübte Schützen, die zur Sicherheit noch ein Schwert bei sich trugen. Ein Krieg ließ sich vor 400 Jahren nicht allein mit Musketen entscheiden, aber den Respekt des Gegners erzielen. Auf beiden Seiten. Die Handwerksmeister aus Suhl belieferten Freunde wie Feinde, Protestanten wie Katholiken. Gute Ware gegen gutes Geld, der Glaube blieb da Nebensache.

Respekt zollen die Waffen vergangener Jahrhunderte noch immer – ganz friedlich, in den Auslagen des Suhler Waffenmuseums. Wer mag, wer ein wenig versteht vom Handwerk, kann bei Führungen in Fachsimpelei verfallen. Über charakteristische Kerbschnitzerei am Schaft oder über gute Schussleistung. Hier, an kundigster Stelle, ganz im Herzen dieser ins Tal geschmiegten Stadt, ist der beste Ort, um die Erkundung von Suhl zu beginnen. Vorausgesetzt, man ist an der bis heute lebhaft gepflegten Tradition der Waffenfertigung interessiert – und weniger an Sushi oder Simson. Weit zurück geht es im Museum in der Geschichte.

Es war im 15. Jahrhundert, als in Suhl die ersten Handfeuerwaffenhergestellt wurden, der Schießsport ist erstmals für das Jahr 1547 urkundlich erwähnt. Die 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind in die Themenbereiche „Prunkwaffen“, „Jagdwaffen“, „Sportwaffen“ und „Militärwaffen“ untergliedert. Ein eigenes Abteil ist der Geologie der Stadt gewidmet, speziell dem Bergbau – ohne Eisenerz keine Schusswaffen. Wer so über mehrere Etagen einen Eindruck erhalten hat, was Waffen für diese Stadt, für diese Region bedeuten, der wird sich kaum mehr wundern über den lebensgroßen Jäger aus Bronze auf der Parkbank vor dem Museum. Oder darüber, dass wenige Gehminuten entfernt eine jagende Göttin Diana im Stadtbrunnen einen Bogen spannt.

Waffen sind in Suhl aber nicht nur ein spannendes Kapitel Kulturhistorie. Geschichte eben. Ganz im Gegenteil. Bis heute bringen Waffen Arbeit in die Stadt, zum Beispiel in das Beschussamt Suhl. Nur sechs solcher Einrichtungen gibt es bundesweit. In ihnen wird unter anderem jede einzelne in Deutschland hergestellte zivile Handfeuerwaffe einer Beschussprüfung unterzogen. Mit einem Druck von mehreren 1.000 Bar wird die Sicherheit getestet – damit der Sportschütze oder Jäger später gefahrlos damit schießen kann. Besteht die Waffe die Prüfung, werden die international anerkannten Beschusszeichen angebraucht. So geht das nun schon seit 1893, als die „Königlich-Preußische Beschussanstalt zu Suhl“ ihren Betrieb aufnahm.

In Suhl wird allerdings nicht nur geprüft, sondern auch gefertigt. Das Handwerkszeug dazu vermittelt die Berufsfachschule für Büchsenmacher, die einzige Vollzeitschule ihrer Art in Deutschland. Und in der wird auch geschossen. Das ist notwendig, denn Staatlich anerkannte Büchsenmacher müssen reparierte Waffen auf ihre Funktion überprüfen und gegebenenfalls auch neu einschießen können. Waffen sollten aber von jeher nicht nur tadellos funktionieren, sondern dabei auch schönaussehen, manchmal auch regelrecht prunken. Dafür sind die Graveure zuständig, die seit 1998 ebenfalls an der Suhler Berufsfachschule ausgebildet werden.

Vor allem um Treffsicherheit geht es ein paar Kilometer entfernt vom Zentrum, oben auf dem Suhler Friedberg. Dort ist das Schießsportzentrum der Stadt, das 1971 anlässlich der Europameisterschaft im Schießen eingeweiht wurde. Sportschützen können hier alle olympischen Schießdisziplinen mit Feuer- und Druckluftwaffen unter Wettkampfbedingungen betreiben. Aber auch wer keine Ambitionen auf Edelmetall hat, darf sich auf der Anlage einmal ausprobieren. Besuchergruppen können nach Anmeldung bei einem Gästeschießen zum Beispiel auf Wurfscheibe und Laufende Scheibe zielen. Mit reichlich Übung und dem richtigen Smoking sieht das auch ausnehmend elegant aus. So wie bei James Bond. Der Agent ihrer Majestät trägt seit 1962 regelmäßig eine Walther Polizeipistole Kriminal(PPK) unterm Jackett. Deren Fertigung hat ihren Ursprung zwar nicht direkt in Suhl, aber im benachbarten Zella-Mehlis. Dort hatte die Carl Walther Waffenfabrik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Firmensitz. Seither wird dieses Kapitel Thüringer Waffengeschichte in Ulm weitergeschrieben.

Waffenliebhaber…

… werden in Suhl ihre Freude haben. Unsere Empfehlungen:

Waffenmuseum Suhl

Das Spezialmuseum befasst sich mit der 600-jährigen Geschichte der Suhler Handfeuerwaffen. Auf rund 1.000 Quadratmetern Präsentationsraumwerden 500 Waffen und zahlreiche weitere Exponate gezeigt. Fachliteratur, unter anderem zu Dekorationswaffen, finden Besucher im Museumsshop. Aktuell ist die Sonderausstellung „Die Waffen der Frauen“ zu sehen (bis 30. September 2018), die das Thema mit ironischem Augenzwinkern aufgreift.

Friedrich-König-Straße 19 | geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18Uhr | 6 Euro Eintritt für Erwachsene, ermäßigt 4 Euro | www.waffenmuseum-suhl.de

Schießsportzentrum Suhl

Im Schießsportzentrum (SSZ) Suhl-Friedberg werden alle olympischen Schießdisziplinen mit Feuer- und Druckluftwaffen wettkampfmäßig betrieben. Die guten Trainingsbedingungen haben bereits zahlreiche Olympiasieger sowie Welt- und Europameister hervorgebracht. Neben der Ausbildung von Jagd- und Sportschützen bietet das SSZ auch Laien die Möglichkeit, sich nach Anmeldung einmal im Wurfscheiben-, Pistolen- oder Bogenschießen auszuprobieren.

Schützenstraße 6 | geöffnet Montag bis Samstag 9 – 12 Uhr und 13 – 18 Uhr | eine Liste mit den Entgelten je nach Waffenart ist auf der Internetseite abrufbar | www.ssz-suhl.de