Fit dank eisiger Kälte in Bad Langensalza

Fit dank eisiger Kälte in Bad Langensalza
Die Friederiken-Therme hat eine Kältekammer aus Japan

Bei 110 Grad unter Null nur im Badeanzug langsam im Kreis laufen. Bis zu drei Minuten lang. Klingt nach Tortur, soll aber nicht nur gegen Schmerzen helfen, sondern auch leistungsfähiger und fitter machen. In der Friederiken-Therme in Bad Langensalza wird diese Therapie in einer Kältekammer angeboten.

Autorin: Anita Grasse

Ein Zimmer im Zimmer, verkleidet mit dicken Metallwänden und-türen. Durch beschlagene Fenster kann man ins Innere sehen. Die Kältekammer sieht aus wie eine Sauna ohne Bänke. Rundherum mit hellem Holz ausgekleidet, gerade so groß, dass man beim Im-Kreis-Laufen keinen Drehwurm bekommt. Und im Kreis laufen soll ich gleich, erklärt mir Sabine Heyer, die die Kälte- oder Cryotherapie, wie die Anwendung im Fachjargon heißt, in der Friederiken-Therme in Bad Langensalza durchführt. Doch das sind längst nicht alle Hinweise, die sie mir mit auf den Weg gibt. So eine Kälteanwendung will gut vorbereitet sein. Das müssen Sie wissen:

Dresscode für die Kältekammer

Mütze, Wollhandschuhe, Mundschutz, Socken und Schnürstiefel zum Badeanzug sehen nicht wirklich sexy aus – und fühlen sich auch nicht so an. Aber die Kälte soll ja an meine Haut, sonst kann sie nicht wirken. „Gleichzeitig müssen kälteempfindliche Körperstellen wie Ohren, Nase, Hände und die Füße vor der Kälteeinwirkung geschützt werden – durch das Tragen warmer Handschuhe, eines Stirnbandes, welches die Ohren verdeckt, Schuhe und Mundschutz“, konkretisiert Sabine Heyer. Ketten, Armreifen, Ringe, Ohrringe, Piercings und Uhren sind verboten und am Körper dürfen keine feuchten Stellen sein. Einige Stunden vor und nach der Ganzkörperkältetherapie sind auch Massage, Fango- oder Moorpackung, Wannenbäder, Baden im Therapiebecken und Salbeneinreibung tabu. „Der Patient sollte ausgeruht in die Kältekammer gehen und zwischen den einzelnen Kältekammer-Durchgängen muss ein Abstand von 4 Stunden eingehalten werden“, beendet Sabine Heyer die Einführung. Dann kontrolliert sie noch einmal, ob Handschuhe, Mütze und Mundschutz richtig sitzen und ob ich allen Schmuck entfernt habe, bevor sie einen dicken Wintermantel überwirft und mich zur ersten Schleuse begleitet.

Kalt, kälter, eiskalt –Kälte steigert sich in drei Schritten

Mir ist mulmig zumute. Das Kameradisplay vor der Kältekammerzeigt drei Räume – und eine Temperaturanzeige. Die erste Kammer ist nur eine Schleuse, durch die ich gleich einfach hindurchgehen soll. Minus 15 Grad. Danach eine weitere Schleuse – Minus 60Grad – und dann der Hauptraum mit Minus 110 Grad. Sabine Heyer begleitet mich hinein und neben ihr fühle ich mich noch unpassender angezogen. Doch die erste Schleuse ist eine Überraschung:  Minus 15 Grad fühlen sich nicht viel kälter an als die Zimmertemperatur im Vorraum. Das läge daran, dass die Luft hier drinnen so trocken sei, erklärt Sabine Heyer.

Auch die zweite Schleuse ist gut zu ertragen. Zugegeben, Minus 60 Grad sind kühl, aber ehrlich gesagt, habe ich dick eingepackt im Freien stärker gezittert als jetzt. Mein Puls macht einen kleinen Sprung, als Sabine Heyer die Tür zur Hauptkammer öffnet. Im ersten Moment bin ich nicht sicher, was ich fühle. Es ist kalt, aber der Schock, den ich erwartet hatte, bleibt aus. Sabine Heyer versichert sich, dass es mir gut geht, dann verlässt sie die Kammer und drückt draußen vor dem Fenster auf die Stoppuhr. Meine drei Minutenlaufen – genau wie ich.

Schmerzfrei dank Kältetherapie

Vor allem bei rheumatischen, entzündlichen und einigen Hauterkrankungen kann die Kältekammer helfen, erklärt Sabine Heyer später. „Wir können nicht die Krankheit behandeln, aber die Schmerzen, die oft mit ihr einhergehen”, erklärt sie und ergänzt: „Die Ganzkörpertherapie wird für Menschen mit unterschiedlichen Leiden empfohlen, darunter Rheuma, Neurodermitis, Psoriasis, Muskel- und Gelenkerkrankungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder spastische Bronchitis. „Wie das funktioniert? Der Kältereiz aktiviert kurzfristig eine Reihe von Reaktionen im Körper wie eine schnell einsetzende Schmerzlinderung, Entzündungshemmung, verbesserte Durchblutung und Sauerstoffausnutzung der Muskeln. Langfristig werden durch den Kältereiz überschießende Immun- oder Schmerzreaktionen gedämpft, die zum Beispiel verantwortlich sind für Neurodermitis oder Asthma bronchiale. Diese Wirkung kann auch nach dem Aufenthalt noch mehrere Stunden anhalten. Zeit, die Schmerzpatienten zum Beispiel für andere Therapien nutzen können, ohne sich dabei zu quälen. „Wer häufiger und langfristig die Kältetherapie nutzt, kann unter Umständen sogar seinen Arzneimittelverbrauch senken und deutlich an Lebensqualität gewinnen, weil dabei das Schmerzgedächtnisgelöscht werden kann, das bei Patienten mit chronischen Schmerzen oft übersensibel ist. Außerdem werden Entzündungen gehemmt und die Mobilität verbessert.  „Und dann ergänzt sie: „Aber der Aufenthalt in der Kältekammer hilft auch, Motivation und Leistungsfähigkeit zu steigern und ist für Leistungssportlerempfehlenswert. “

Gesunde profitieren von besserer Durchblutung und Anti-Müdigkeitskick

Ich bewege mich inzwischen in der Kältekammer langsam im Kreis, beim Ausatmen verschwindet der Raum kurz hinter weißen Wolken, die aus meinem Mundschutz aufsteigen. Die feinen Härchen in der Nase kleben zusammen. Mit jeder Runde spüre ich die Kältestärker. Die Stimme von Sabine Heyer, die mir durch ein Mikrophon alle 30 Sekunden die verstrichene Zeit ansagt, wird mein Anker. An Oberschenkel und Po fühlt sich die Luft jetzt an, als würde ich mit einer harten, aber feinen Bürste massiert. An der Innenseite der Arme scheint die Haut dünn wie Papier und brennt. Allmählich wird es schmerzhaft, aber mich hat der Ehrgeiz gepackt. Sabine Heyer hatte mir gesagt, dass die wenigsten Patienten beim ersten Mal drei Minuten durchhalten. Nach zweieinhalb Minuten reicht es mir eigentlich, aber das will ich jetzt schaffen.

Und dann ist es vorbei.

Als ich mich wieder anziehe, fühlt sich meine Haut an wie mit feinem Samt bezogen, den man gegen den Strich bürstet. Ich bin wie berauscht. Die Müdigkeit ist weg, die Haut ist rosig. Ich fühle mich fit und voller Tatendrang. „Ganz normal“, sagt Sabine Heyer lächelnd. In Japan sei die Cryotherapie aus diesem Grund zu einer Modeerscheinung geworden, mit der sich Manager in der Mittagspause in Form bringen.

„Die Ganzkörperkältetherapie wirkt tief auf die Psyche und Physis. Deshalb kann sie zum Beispiel bei Burn-out-Syndrom, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Kreislaufbeschwerden, Depression und Schlafstörungen eine echte Hilfe sein“, sagt die Expertin. Thermische Reize beeinflussen die Aktivitätslage des Körpers, erklärt sie. Kälte – noch dazu wenn sie wie die Kältetherapie als kräftiger Reiz auf die gesamte Körperoberfläche wirke – rufe das Gefühl von Frische und Wachheit hervor, das Assoziations- und Koordinationsvermögen werde verbessert und bei Erregungszuständen trete eine Beruhigung ein. Gleichzeitig wirke die Tiefenkälte leistungssteigernd. Das sei, etwa für den Leistungssport, wissenschaftlich belegt. „Bei der Kältetherapie im Leistungssport wird die Ausdauerleistung gesteigert, die Herzfrequenzsteigt weniger schnell und stark an und die mentale Stimulation ist hier natürlich auch von Bedeutung.“ Ergänzend zur Physiotherapie könnten die Kältekammeranwendungen Rehaphasen, etwa nach Operationen, verkürzen. Und nach dem Sport eingesetzt, helfen sie Muskelkater vorzubeugen oder zu mindern, erklärt die Expertin.

Regelmäßigkeit ist Trumpf in der Kältekammer

Wer „nur“ seine Leistungsfähigkeit oder sein Wohlbefinden steigern will, kann einfach selbst ausprobieren, wie oft und über welchen Zeitraum ihm die Kältetherapie gut tut. „Jeder sollte die Kältetherapie auf seine individuellen Bedürfnisse abstimmen“, sagt Sabine Heyer. „Wie oft man in die Kältekammer geht, hängt dann davon ab, wie es jeder einzelne für sich empfindet und wie er die Termine in der Kältekammer in seinen Alltag einplanen kann.

„Bei der Schmerztherapie allerdings gibt es feste Empfehlungen: Ein bis zwei Gänge in der Kältekammer pro Tag über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen sollten Schmerzpatienten einplanen. So kommen sie innerhalb dieser Zeit auf 20 bis 30 Gänge insgesamt. „Wenn man diesen Rhythmus anwendet, ist eine Schmerzverbesserung zu erwarten“, sagt Sabine Heyer vorsichtig und ergänzt: „Sollten sich wieder Schübe oder intensivere Schmerzen ankündigen, sollten die Patientenzeitnah mit der Kältetherapie fortfahren.“

Wer nicht in die Kälte darf

Auch wenn die meisten Menschen – ob krank oder gesund – von einem Gang in die Kältekammer profitieren, verlangt man in der Friederiken-Therme vor der ersten Anwendung eine ärztliche Bescheinigung. „Zunächst muss sich jeder, der die Kältekammer nutzenmöchte, vom Hausarzt untersuchen lassen. Er stellt fest, ob die Kältekammer genutzt werden darf oder nicht“, sagt Sabine Heyer. Für Menschen mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schweren Herz-Rhythmus-Störungen, unbehandelter Hypertonie (Bluthochdruck)oder mit Angst vor geschlossenen Räumen ist die Anwendung nämlich nicht geeignet.

Und es gibt noch eine Gruppe, die zumindest vorsichtig sein sollte: Frauen, die Make-up tragen, sollten die Kältekammer besser nicht ohne einen Kontrollblick in den Spiegel verlassen. In der Kälte bilden sich in den Wimpern kleine Eiskristalle, die in der Wärme wieder tauen – und mit ihnen die Wimperntusche. Dass ich nach meinem erfrischenden Besuch in der Kältekammer aussah wie ein Panda, bekam ich erst Stunden später mit – als mich ein Kollege ganz vorsichtig darauf ansprach.

Informationen zu Terminen

Termine für die Nutzung der Kältekammer vergibt die Friederiken-Therme unter 03603 39760 während den regulären Öffnungszeiten des Kur- und Therapiebereiches (Mo – Fr 7:30 Uhr bis 19:30 Uhr). Die Kältekammer ist von 8 bis 16 Uhr geöffnet (außerhalb dieser Zeiten nur nach Absprache).Eine Ganzkörper-Kältetherapie kostet 13 Euro pro Sitzung. Kurzfristige Termine sind möglich, nach Absprache in der Terminierung der Friederiken-Therme.