Milch- und Käsestraße

Milch- und Käsestraße
Kulinarik - Besser Leben in Thüringen
Angefangen haben Karin und Reiko Wöllert als Selbstversorger. Heute bilden sie in ihrem kleinbäuerlichen Betrieb sogar Lehrlinge aus.

ALLES KÄSE ODER WAS?

Die „Thüringer Milch- und Käsestraße“. Weder Google noch Navigationsgerät weisenden Weg dorthin. Auch Hubble, das Weltraum-Adlerauge, erkundete keine neue Sternenkonstellation. Die „Milch- und Käsestraße“ ist vielmehr ein virtuelles Band, das bundesweit rund 600 Biohöfe, Käsereien und Dorfmolkereien verbindet. Sie alle sind im „Verband für handwerkliche Milchverarbeitung im ökologischen Landbau e. V.“ mit Sitz in Freisingen vereint.

In Thüringen gehören 21 Produzenten dazu. Sie sind Botschafter der traditionellen bäuerlichen Produktion.

Der Osten war Terra incognita

Während in Bayern oder Baden-Württemberg kleinbäuerliche Hofwirtschaften häufig vorkamen, dominierten in den neuen Bundesländern agrarische Großbetriebe– meist aus den Privatisierungen der LPG oder VEG entstanden. Aber es gab auch Wagemutige. Andere nannten sie verrückt, weil mit ihren Bauernhöfen scheinbar die Steinzeit der landwirtschaftlichen Produktion wieder auflebte.

Einer dieser Wagemutigen an der Thüringer Milch- und Käsestraße ist Reiko Wöllert. Doch der gebürtige (Ost-)Berliner hätte sich das 1990 nicht träumen lassen: Wöllert leistete damals nach dem Abi Zivildienst in Erfurt. Von der Aufbruchsstimmung euphorisiert, wollte er mit Gleichgesinnten ein werbefreies Bürgerradio starten. Dafür gründeten sie den „Verein für kommunikative Medien und Lebensformen e. V. (KOMED e.V.), dessen Vorsitzender er seither ist.

Über das Radio zu neuen Ufern

Damals ging vieles im neuen Teil Deutschlands, was im „Westen“ undenkbar war. Für Medien galt dies nicht. Was tun? Wöllert wollte studieren. Dann aber führten ihn seine Wege – und die anderer KOMEDen – nach Haina. An den Ufern der Nesse in einer verwahrlosten Mühle entstand eine Kooperative, ganz im Geiste der 68er-Bewegung. Seit 1993gehört die Burgmühle in Haina (Landkreis Gotha) dem Verein.

Ziel war zunächst, eine Jugendbegegnungsstätte aufzubauen. Damit begann alles. Die agrarische Komponente kam später hinzu. Denn wie die Nesse, so waren auch Wöllerts Lebenspläne im ständigen Fluss – und mündeten in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb. Der bewirtschaftet mittlerweile 30 Hektar Weideland, hat fünf Rinder und 35 Ziegen, auch ein paar Schweine. Macht und verkauft im Jahr 1,5 Tonnen Käse aus Rohmilch, dazu Joghurt und das Fleisch jener Tiere, die schlachtreif geworden sind.

Thüringer Milch und KäsestraßeVom Überfluss in die Produktion

Sich selbst zu versorgen, war der Einstieg ins professionelle ländliche Leben. Auf der ersten Weide graste noch auf einem Hektar eine einsame Ziege. Mit der Zeit kamen Flächen dazu, und der einen Ziege leisteten schon bald andere Vierbeiner tierische Gesellschaft. So auch eine Kuh. Eigentlich wollte ein Bauer im Nachbardorf den neuen Burgmüllern gleich alle seine drei Wiederkäuer verkaufen. Wöllert beließ es aber lieber bei zunächst einem Tier – schließlich sollten die Viecherei und der Garten ja nur die Burgmühlenbewohner selbst versorgen. „Wir hatten trotzdem recht schnell mehr Milch, mehr Käse, als wir selbst brauchten“, erzählt Wöllert. Aus den Selbstversorgern wurden Kleinbauern.

Das nötige Fachwissen steuerte Ehefrau Karin bei. Reiko Wöllert machte erst 2005 im externen Abschluss seinen Landwirt. Seit 2017 studiert er im hessischen Witzenhausen Ökologische Agrarwissenschaften.

Wissen für nachkommende Generationen

Platz bietet die Burgmühle zuhauf – Potenzial, zu expandieren. Bei den Finanzen sah es anders aus, weshalb dann mit Fördermitteln die Käserei gebaut und 1998 eröffnet wurde. Jedoch nicht ohne Hindernisse: Beim Gothaer Lebensmittelüberwachungsamt schrillten alle Alarmglocken, weil die Hainaer Exoten Rohmilch verarbeiten wollten. Mit Engelsgeduld und juristischem Sachverstand half damals Marc Albrecht-Seidelaus, Geschäftsführer des „Verbandes für handwerkliche Milchverarbeitung im ökologischen Landbau e. V.“, dem es gelang, die Skeptiker im Amt zu befrieden.

Thüringer Milch und KäsestraßeKaum war die Käserei eröffnet, wuchs die Nachfrage. Bald grasten noch mehr Tiere auf den idyllischen Weiden, am schnellsten wuchs die Ziegenherde. Die 30 Hektar bewirtschaften die Wöllerts gemeinsam mit zwei Lehrlingen. Sie erlernen den Beruf in freier Ausbildung. Das bedeutet unter andere meine vierjährige Lehrzeit, die einen zweiten Ausbildungsbetrieb erfordert.

Nicht ganz uneigennützig bieten die Wöllerts die Ausbildung an. Reiko ist seit 2015 Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (AbL) in Mitteldeutschland und zudem stellvertretender AbL-Bundesvorsitzender. Da sind die Lehrlinge eine wichtige Hilfe im Betrieb. „Abgesehen davon, möchte ich natürlich unser Wissen der nächsten Generation vermitteln.“

Zudem braucht es beruflichen Nachwuchs, der mit dem Bewusstsein arbeitet, dass man im Einklang mit der Natur „eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ betreiben könne, so Wöllert. Diesem grundsätzlichen Ziel der AbL komme man näher, wenn auch langsam.

Freitags ist Hofladenzeit in Haina an der Thüringer Milch- und Käsestraße: Dann gibt es ab 15 Uhr Frisch-, Schnitt- und Fetakäse, Camembert aus Ziegen- und Kuhrohmilch, Joghurt, Quark und natürlich die Milch selbst. Und wunderbarduftendes, frisches Brot, das im Holzofen auf dem Hof gebacken wird. Mehr braucht es nicht.

Text: Rainer Aschenbrenner