Die Meininger kommen

Die Meininger kommen
Das Staatstheater in Süd-Thüringen profitiert von seiner Nähe zu Hessen und Bayern

Drei von vier Besuchern des Meininger Staatstheaters ganz im Süden des Freistaats kommen aus anderen Bundesländern. Weil es nahe der Grenze liegt, weil das Theater Tradition hat, weil das Bier stets gut gekühlt ist und das Bühnenbild oft opulent.

Autorin: Susann Winkel

Wer in der Vorstellungspause im Foyer des Meininger Staatstheaters steht, mit einem Glas Sekt in der einen und einer Butterbretzel in der anderen Hand, der darf seinen Ohren ruhig trauen. In Fränkisch, Bayerisch und Hessisch schwirren die Gespräche durcheinander. Die große Mehrheit der Besucher hier sind Auswärtige, Grenzpendler und Kulturtouristen. Drei von vier Zuschauern reisen aus anderen Bundesländern zu den Vorstellungen an, vor allem aus den alten. Für einen Abend oder gleich für ein langes Wochenende.

Der Zuspruch aus dem Westen und Süden ist kein Nachwende-Phänomen. Theaterzüge brachten schon in den 1870er-Jahrendas Publikum aus der Region Schweinfurt nach Meiningen. Und auch in den Jahrzehnten der deutschen Teilung waren Abonnements für Gruppen und Einzelgäste aus Unterfranken nicht ungewöhnlich. Der Kleine Grenzverkehr erlaubte die Einreise – gegen Umtausch von 25 Westmark.

Das „Eintrittsgeld für Bundesbürger“ ist heute Anekdote, ein Verweis auf das andere Eintrittsgeld jedoch aufschlussreich. Heute zahlen die von hüben wie drüben zwischen 7 Euro und 26,50 Euro für einen Schauspielabend und zwischen 8 Euro und 32,50 Euro für eine Vorstellung des Musiktheaters. Schon inbegriffen sind hier die Premieren-Zuschläge, im Repertoire-Betrieb sind selbst die besten Karten in der Fremdenloge im ersten Rang noch einmal günstiger zu haben. Für Senioren, und das sind nicht wenige unter den Besuchern, gelten zudem Ermäßigungen. Theater – das ist in Meiningen noch immer ein erschwingliches Vergnügen.

Die Preispolitik und die doppelte Randlage – nur ein Dutzend Kilometer entfernt von Bayern und ein paar mehr von Hessen –sind zwei Gründe für die grenzüberschreitende Beliebtheit der Bühne. Ein anderer ist der kulturhistorisch hochdramatische Boden, auf dem sie steht. Hier entwickelte der schauspielnärrische Herzog Georg II. einen neuen Realismus der Darstellung, den sein Hoftheater im ausgehenden 19. Jahrhundert und bei Tourneen mit 2.800 Vorstellungen in ganz Europa vorführte.

„Im Halbunbewussten der westdeutschen Schulbildung hat sich der Ausspruch ‚Die Meininger kommen‘ verankert“, weiß Intendant Ansgar Haag. Wer mehr über die Vergangenheit des Hauses erfahren möchte, muss nur in das Theatermuseum in der ehemaligen Reithalle von Schloss Elisabethenburg gehen. Dort werden die originalen Bühnenbilder, die allesamt beim großen Theaterbrand 1908 gerettet werden konnten, noch so in Szene gesetzt wie zu Herzogs Zeiten. Ein gewisser Hang zur Opulenz bei der Ausstattung ist noch heute festzustellen– und wird durchaus gern gesehen vom Publikum.

Aber nicht nur das Schauspiel kann seine Historie vorzeigen. Die im Jahr 1690 gegründete Meininger Hofkapelle listet in ihrer Chronik Namen wie Johannes Brahms, Hans von Bülow, Richard Strauss und Max Reger. Legendär ist ein Schreiben Richard Wagners von 1877 an den Meininger Herzog: „Es gibt viele Meinungen – aber nur ein Meiningen. “ War in Bayreuth Festspielzeit, dann saßen die Meininger Musiker im Orchestergraben. Eine junge Berühmtheit indes saß hundert Jahre zuvor im Asyl im nachbarörtlichen Bauerbach und schrieb an „Kabale und Liebe“ und „Don Karlos“ – Friedrich Schiller.

Während die Kultur- und Städtetouristen mit der Tradition und mehrtätigen Theater- und Kulturarrangements gelockt werden, will auch die Meiningerei bedient werden, jene bedingungslose, mitunter auch kritiklose Verbundenheit des Stammpublikums mit der Bühne. Wer möchte, kann hier seit einigen Jahren selbst in der Bürgerbühne Theater machen. Oder auch nur zuschauen. Wird es mal hitzig bei einer Vorstellung, dann verspricht der hauseigene Staatstheaterfächer Linderung – und in der Pause dann ein kühles Bier. Nicht irgendeines, ein Theaterbier ist es, mit dem Portikus des Hauses auf dem Etikett. Mit dem lässt sich dank Bügelverschluss sogar gefahrlos zwischen Foyer, Logen, Rängen und Vestibül flanieren.

Überhaupt: die Pausen. Für manche kürzere Inszenierung mögen sie entbehrlich sein. Für das Theatererlebnis sind die Viertelstunden im Dialektgeschwirr und mit schönen Roben unverzichtbar. Man möchte nämlich auch sehen und gesehen werden, wenn man von hüben oder drüben nach Meiningen kommt – oder wenn mal wieder die Meininger kommen.

Tradition mit besonderer Bedeutung
Herr Haag, 2005 sind Sie als Intendant an das Meininger Staatstheatergekommen. Was macht dieses Haus aus?

Das Meininger Staatstheater hat nicht nur durch seine Tradition, sondern auch durch seine Lage eine besondere Bedeutung bei der deutschen Wiedervereinigung gespielt. Überdurchschnittlich viele Touristen haben speziell anlässlich eines Besuchs im Meininger Staatstheater die neuen Bundesländer bereist. Die politische Bedeutung, die das mit sich bringt, ist allen Beteiligten bewusst.

Im Jahr 2008 haben Sie zusätzlich die Intendanz in Eisenach übernommen. Wie arbeiten Ihre beiden Theater zusammen?

Unter der Intendanz meines Vorgängers wurde das beliebte Meininger Ballett entlassen, was natürlich ein gewisses Vakuum verursachte. Durch die Zusammenarbeit der beiden Theater wurde es möglich, das Ballett Eisenach personell zu vergrößern. Das hatte jedoch zur Folge, dass Chor und Solisten nach und nach reduziert werden mussten. Wir können nun Austausche zwischen der Meininger Oper und dem Eisenacher Ballett veranstalten.

Thüringens Theaterlandschaft wurde kürzlich per Reformneu geregelt. Welche Auswirkungen hat das auf Meiningen?

Für Meiningen ändert sich im Wesentlichen nichts. Denn weiterhin bekommt Meiningen das Ballett aus Eisenach, während Eisenach das Musiktheater aus Meiningen empfängt. Das Konzertwesen, das die vergleichsweise kleine Landeskapelle Eisenach bisher stemmte, wird jetzt von dem großen Orchester der Thüringen Philharmonie Gotha Eisenach übernommen. Die Sparte Schauspiel liefert das Theater Rudolstadt dem Landestheater Eisenach. Im Gegenzug bespielt das Jugendtheater Eisenach die umliegende ländliche Region.

Sie haben beide Verträge bis 2022 verlängert. Was planen Sie für die kommenden Spielzeiten Ihrer Intendanz?

Wir wollen das Meininger Staatstheater in weiteren Teilen Deutschlands präsent machen. Im April der Spielzeit 18/19 werden wir ein internationales Festival veranstalten, bei dem wir bedeutende Schauspielinszenierungen einladen werden. Eine Zusammenarbeit mit dem Puppentheater Halle soll die Bedeutung unserer kleinsten Sparte vergrößern. Außerdem werden wir in den nächsten Jahren verstärkt bedeutende Regisseure ans Haus holen.