Ein Großod im Grünen

Ein Großod im Grünen

Kunst und Kultur - Besser Leben in Thüringen
Ein Großod im Grünen.

Schloss Altenstein  – stets ein lohnendes Ziel.

Der Satyr ist zurück. Auf einem Sockel sitzt er auf der Terrasse bei unserem Besuch in Schloss Altenstein, blickt in den Park, der die Handschrift des Fürsten von Pückler-Muskau verrät, und spielt seine stumme Melodie. So wie er es schon vor mehr als hundert Jahren tat. Und so, als sei nichts geschehen. Dabei war es beinahe vorbei gewesen mit dem Idyll im Grünen nahe des Kurorts Bad Liebenstein. 1982 war das Schloss, die einstige Sommerresidenz der Meininger Herzöge, komplett ausgebrannt. Die Säle, in denen Queen Adelaide feierte, die Räume, in denen Johannes Brahms weilte, das alles war vernichtet und wird nun seit einigen Jahren in alter Schönheit wiederhergestellt.

Ein Besuch in Schloss und Park Altenstein lohnt aber schon heute, denn die Anlage ist ein wahres Großod. „Ja,“ findet auch Christian Storch, „das wäre eigentlich die bessere Bezeichnung – falls es das Wort gibt.“ Kleinod jedenfalls sei nicht zutreffend für das Schloss und den Park Altenstein. Kleinod – das klingt nach etwas Nettem in der dritten Reihe. Dieses Schloss und dieser Park aber gehören nach Ansicht des 38-Jährigen in die erste Reihe.

Noch ist das Schloss Altenstein im Inneren eine Großbaustelle. Die Zerstörungen, die ein brand im Jahr 1982 verursacht hat, sollen bis 2020 vollständig behoben sein.

(Noch) ein Geheimtipp

Noch ist ein Besuch in Schloss Altenstein im Wartburgkreis, die den Herzögen von Sachsen-Meiningen einst als Sommerresidenz diente, allerdings selbst in Thüringen vorzugsweise den Status Geheimtipp. Ein Kleinod eben, dieses Wort, das Christian Storch nicht mag. Der promovierte Musikwissenschaftler ist unweit des Schlosses in Bad Liebenstein aufgewachsen. Als Intendant des Comödienhauses und Geschäftsführer der Bad Liebenstein GmbH bringt er heute den Tourismus für den Kurort voran. Wobei es keineswegs nach Marketingprosa klingt, wenn er in seinem Büro über der Touristeninformation erklärt: „Wir haben quasi ein Weltkulturerbe vor uns.“ Eine Einzigartigkeit, wie es sie kein zweites Mal gibt. Christian Storch meint das so ernst, wie er es nüchtern ausspricht, und er kann diese Feststellung auch belegen.

Dafür braucht es eine Autofahrt, die so kurz ist, dass ein Spaziergang an weniger heißen Sommertagen eine schöne Alternative ist. Zwei Kilometer sind es von der Ortsmitte Bad Liebensteins bis zum Eingang von Park Altenstein, der mit seinen 160 Hektar einer der größten historischen Landschaftsparks in Thüringen ist. Ein Park im englischen Stil, allerdings keiner in der typischen, flachen Weitläufigkeit, sondern ein Park auf einem Gebirgskamm. Fachleute sprechen bei dieser geologischen Eigenwilligkeit von einem Zechsteinriff, Laien staunen derweil über eine alpine Anmutung mit Felsen und Höhlen.

Was den munteren Gestaltungswillen von Landschaftsgärtnern vermuten lässt, hat sich die Natur zunächst ganz allein ausgedacht. Sie gab die Vorlage, sie setzte die Sichtachsen, in die Gartenkünstler wie Hermann Fürst von Pückler-Muskau oder Peter Joseph Lennéspäter Parkarchitekturen ergänzten. Auch Johann Wolfgang von Goethe soll Anregungen gegeben haben. So kam es etwa zu einer Ritterkapelle auf einer Felsklippe, in der sich Freimaurer trafen, und zur Teufelsbrücke, die zwei Felsen über eine tiefe Schlucht hinwegverbindet. Auf einem anderen Felsen steht ein chinesisches Teehäuschen, auf einer senkrecht aufstrebenden Felsnadel wurde ein drei Meterbreiter und ein Meter hoher Blumenkorb aus Stein platziert. In der Altensteiner Höhle indes traf sich die feine Gesellschaft zu Echokonzerten mit Illuminationen.

Der Park allein ist schon eine Besonderheit, aber das Schloss Altenstein ist es eben auch, sogar über seine Vorgängerbauten lässt sich ein wenig Weltgeschichte erzählen. Hier, mit prächtigster Aussicht auf das Werratal und die Vordere Rhön, hatten die Familien von Stein und Hund von Wenkheim ihren Stammsitz. Burghard II. Hund von Wenkheim war es, der Martin Luther am 4. Mai 1521 entführte und auf die Wartburg brachte, als der auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms den Altenstein passierte.

Geschichte und Geschichten

Über die Linie derer von Wenkheim gelangte das Amt Altenstein 1680 als Erbschaft an die Herzöge von Sachsen-Meiningen. 1736 ließ Herzog Anton Ulrich ein barockes Schlosserrichten, das 1880 bis 1890 unter „Theaterherzog“ Georg II. nach dem Vorbild englischer Landhäuser umgestaltet wurde. Die Gästeliste der Sommerresidenz kann sich sehen lassen. Queen Adelaide – eine Schwester des Herzogs Bernhard II. – verbrachte hier nicht nur die Sommer als junge Prinzessin, sondern feierte hier auch am 13. August 1846 ihren 54. Geburtstagmit einem Volksfest. Der Pädagoge Friedrich Fröbel, der das Konzept des Kindergartens ersann, organisierte später ein Spielfest für 300 Kinder im Park. Und an die vielen Aufenthalte von Johannes Brahms erinnert heute eine Gedenkstätte im Schloss. Dichter, Musiker, Maler oder Bildhauer waren hier – das Idyll glich einem Musenhof im Grünen.

Ein Idyll ist es immer noch mit seiner Orangerie, dem Hofmarschallamt und den nachhistorischen Vorlagen von der schlosseigenen Gärtnerei bepflanzten Knotenbeeten. Wäre da nur nicht dieses Schild auf der Schlossterrasse, gleich neben dem Flöte spielenden Satyr aus Bronze: „Baustelle. Betreten verboten“.

Im Februar 1982 war es, als ein Brand Schloss Altenstein bis auf die Grundmauern zerstörte. Seit 2010 lässt die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten das Verlorene wieder herstellen. Noch bis 2022 wird gebaut, werden Holzvertäfelungen und opulente Tapetenangebracht. Ein Millionen-Engagement, das mittlerweile auch vom Bund unterstützt wird. Zwei Räume immerhin – jene Gedenkstätte für Brahms und ein Chinesisches Kabinett – lassen beim Besuch in Schloss Altenstein schon jetzt erahnen, wie würdevoll-prächtig es wieder werden wird.

Huldvolles Winken vom Schlossbalkon

Am ersten Samstag im Monat zeigt Stadtführerin Jana Birken Neugierigen beim Besuch in Schloss Altenstein die Zimmer. Nur elf Personen darf sie mitnehmen, die Schuhe verschwinden in großen Pantoffeln, um den Boden zu schonen. Heimlicher Höhepunkt: der Balkon. Von hier sehen die Besucher den Park und die Fontäne so, wie damals die hochwohlgeborenen Hausherren und ihre Gäste sie sahen. „Ich lasse sie dann immer winken wie einst die Herzöge“, lacht Birken. Sie schwärmt vom Ort mit Weltgeschichte. Luthers Entführung, das Stichwort genügt, zumindest für die Menschen hier im Westen des Freistaats.

Christian Storch wird sich in den kommenden Jahren noch mehr als jetzt schon Gedanken machen, wie dieses „Großod“ auch bei anderen Bekanntheit erlangen soll. Mit der Stiftung, der die Anlage gehört, und dem Förderverein, der sich unter anderem um die Wiederherstellung der Parkarchitektur verdient machte, soll ein Konzept entwickelt werden. Schon jetzt gibt es eine Reihe mit Sommerkonzerten und eine Sommerakademie mit Kursender Kinder- und Jugend-Kunstschule Wartburgkreis e. V. im Park. Noch ist das ein Geheimtipp. Aber das muss ja nicht so bleiben.