Peter Krause: „Den Mainstream überlassen wir anderen.“

Peter Krause: „Den Mainstream überlassen wir anderen.“
Heute ist Schloss Ettersburg wieder ein Treffpunkt für freie Geister

Zu DDR-Zeiten und auch noch anderthalb Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer war Schloss Ettersburg am Nordhang des Ettersberges bei Weimar dem Verfall preisgegeben. Die Klassik-Stiftung Weimar, Eigentümerin des Sommersitzes der berühmten Mäzenin und Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, Anna Amalia, hatte weder Geld noch Konzept für eine Restaurierung und Nutzung. Erst die Bauwirtschaft aus Thüringen und Hessen rettete 2005 das einmalige Gebäudeensembledurch eine behutsame Sanierung und einen langfristigen Pachtvertrag des „Bildungswerkes BAU Hessen-Thüringen e.V.” Der zehnte Jahrestag der Wiedereröffnung steht an: Anlass für Schlossdirektor Peter Krause, mit Stolz auf das Erreichte zu schauen. Seit 2010 hat er Schloss Ettersburg mit hochkarätigen Programmen wieder zu einem Ort gemacht, an dem sich freie Geister mit ihren Ideen messen und Künstler Besucher aus ganz Deutschland anlocken. Prächtig übernachten, stilvollheiraten und exklusiv feiern lässt sich dort ebenfalls – und drei Außenministerwaren auch schon da.

Autor: Bernd Hilder

Der spätere Erbgroßherzog Carl Alexander spürte es schon 1844:„Es liegt für mich ein seltsamer, eigentümlicher Reiz in diesem Ort”, zitiert ihn Peter Krause, keineswegs in nur zurückblickender Absicht. Wir stehen auf der imposanten Terrasse hinter dem Neuen Schloss, dem jüngeren der beiden barocken Schlossgebäude, die zusammen mit der Kirche das Schloss-Ensemble bilden. Es ist böig auf dem Ettersberg an diesem sonnigen Herbsttag. Wir genießenden klaren Blick in die englische Parklandschaft: direkt auf den Pücklerschlag, eine lange Sichtschneise, die der berühmte Fürst Pückler-Muskau höchstpersönlich in den Wald schlagen ließ, um dem Ort mehr romantisches Licht und malerischen Raum zu geben. Damals ärgerten sich viele Ettersburger darüber, sie fürchteten um ihren Wald. Heute gehören Schloss und Parklandschaft zum UNESCO-Weltkulturerbe „Klassisches Weimar” und sind Anziehungspunkt für Ausflügler und Touristen genauso wie für Künstler und Intellektuelle, die auf Schloss Ettersburg Kunst und Geist beflügeln wollen. 1844 hatten Carl Alexander (1818-1901), damals noch Erbprinz, und dessen Ehefrau Sophie (1824-1897), geborene Prinzessin der Niederlande, beschlossen, das damals weltfern abgeschiedene Schloss, einem der Lieblingsorte Goethes, aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Schloss Ettersburg wurde, befördert durch seine „erhabene Natur”, wie es Krause beschreibt, erneut zu einem Ort „lustvoller Intellektualität, ambitionierter Weitsicht und witziger Geselligkeit”. Dies sind offenbar auch Krauses Leitlinien, denn es geht darum, Schloss Ettersburg wieder viel von seiner alten Würde und inspirierenden Aura zurückzugeben.

Wenn der Schlossdirektor davon erzählt, wer in den jüngsten Jahren auf Ettersburg („Alles, was Rang und Namen hat!”) zu Gast war, kommt er ins Schwärmen über den künstlerisch-intellektuellen Aufschwung und die „große, nachhaltige Verantwortung”, die „sein“ BAU-Bildungswerk für „diesen einzigartigen deutschen Kulturort” übernommen habe. Gleich hinter Krause, im verpachteten Schloss-Restaurant, hängen Schwarzweiß-Porträts, fotografiert von Guido Werner unmittelbar vor oder nach den Auftritten in Ettersburg: große Künstler von Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Martina Gedeck bis Thomas Thieme, dem Weimarer Schauspieler mitgrandioser Bühnen- und Bildschirm-Präsenz. Besonders mit seinem anspruchsvollen Pfingstfestival findet Krause inzwischen bundesweit Beachtung. Die Hälfte der Besucher kommt aus der Region, die meisten machen sich von weit her auf den Weg nach Ettersburg. Ein Blick in die Programme der vergangenen Jahre macht schnell klar, warum: Namhafte Philosophen, Historiker, Politiker, Sänger oder Literatensehr unterschiedlicher Couleur waren da.

So grundverschiedene Persönlichkeiten wie Sahra Wagenknecht und Thilo Sarrazin standen nebeneinander auf der Einladungsliste. Eva-Maria Hagen, Martin Mosebach, Jörg Baberowski, Antje Vollmer, Dietmar Bär, Richy Müller, Reiner Kunze, Thea Dorn, Rüdiger Safranski, Benno Fürmann, Meinhard Miegel, Monika Maron, Werner Patzelt, Götz Aly, Hendrik M. Broder, Gerd Koenen, Eva Mattes, Michael Wolffsohn, Peter Sloterdijk, Sky du Mont, Christopher Clark, Andrea Sawatzki, Andreas und Petra Schmidt-Schaller und Wolf Biermann gaben sich die Ehre auf Schloss Ettersburg, nebenvielen anderen: Ein inspirierendes Gemisch künstlerischer und intellektueller Vielfalt. Das Cross-over-Musikprogramm reicht von ernster Musik über Jazz bis Pop.

Weder vor Brüchen noch vor Provokantem fürchtet sich Krause, der vor Ideen sprudelnde Programmchef. Das macht den alten und neuen Geist von Schloss Ettersburg aus. Die drei Außenminister des Weimarer Dreiecks (Deutschland, Frankreich, Polen) trafen sich 2016 auf dem Schloss, auch die europäischen Verkehrsminister und die deutschen Ministerpräsidenten wussten das außergewöhnliche Ambiente zu schätzen. Mit seinem Lebenslauf ist der 1964 in Weimar Geborene prädestiniert für ein breitgefächertes und ambitioniertes Programm ohne Berührungsängste. Nach Berufsausbildung und Abitur arbeitete Peter Krause als Hauer im Thüringer Wismut-Bergbaubetrieb. Nachdem Grundwehrdienst in Erfurt schrieb er drei Jahre lang als Weimarer Lokal- und als Politik-Redakteur beim „Thüringer Tageblatt”, wurde dort 1988 aus politischen Gründen gefeuert, hielt sich danach als Altenpfleger der Volkssolidarität und „Essenausfahrer mit dem Rad“ in Jena über Wasser, studierte nebenbei als Gasthörer Germanistik in Jena. Noch im Oktober 1989 wurde er, als einer der „Erstunterzeichner“ des Neuen Forums im damaligen Bezirk Gera, aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen. 1999 wurde Krause nach einem Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Oldenburg mit einer Arbeit zum Thema „Unbestimmte Rhetorik. Friedrich Schlegel und die Redekunst um 1800″ mit summa cum laude promoviert. Der leidenschaftliche Sportler und ehemalige Boxer, der seit 2004 Präsident des Weimarer Boxvereins ist, war wissenschaftlicher Referent der CDU-Abgeordneten Vera Lengsfeld im Bundestag, saß später selbst für die CDU vier Jahre im Thüringer Landtag. Heute stellt Krause entspannt fest: „Ettersburg war in seiner Blütezeit immer ein freigeistiger und ästhetisch innovativer Ort. Man hatte keinen Blickkontakt zur Stadt, und geradediese versteckte Lage eines Jagdschlosses führte zu inspirierender Weitsicht, zu einer kreativen Gelassenheit. Es geht uns auch heute, was das Programm angeht, nicht um den Mainstream, den überlassen wir anderen, sondern um produktives Denken, um die Kraft zur intellektuellen Unterscheidung.”

Das Ziel heißt längst überregionale Ausstrahlung und Wirksamkeit. „Ettersburg ist ein Ort außergewöhnlicher kulturhistorischer Tiefe”, erzählt Krause beim Rundgang durch den beeindruckenden Weißen Saal im Neuen Schloss oder den Gewehrsaal im Alten Schloss. Aber Ettersburg, sagt er nachdenklich, liege eben auch nur drei Kilometer von der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald entfernt. Diese Nähe gebe dem Areal eine zusätzliche Prägung – und Spannung. Herausforderung und Verpflichtung zugleich. Auf dem Ettersberg wird schon sehr lange Geschichtegeschrieben. Zunächst wurden dort im frühen Mittelalter Fluchtburgenerrichtet, später eine dominante Adels- und Raubritterburg gebaut, die allerdings im 13. Jahrhundert geschleift wurde. In unmittelbarer Nähe wurde ein großes Augustiner-Kloster gebaut, das in den Reformationswirren zerstört wurde. Dann entdeckten die Ernestiner die Gegend als Jagdgebiet. Johann Mützel, der auch das spätere Goethe-Wohnhaus baute, plante die beiden Schlösser auf den Klosterruinen, von denen das jüngere erst 1740 fertiggestellt wurde. Johann Sebastian Bach spielte zur Fertigstellung des Alten Schlosses 1712 im Festsaal auf, der erst ein knappes Jahrhundertspäter zum Gewehrsaal wurde, weil Großherzog Carl August Platz für seine Waffensammlung brauchte. Goethe ließ sein Stück „Iphigenie von Tauris“ auf Schloss Ettersburg uraufführen, spielte selbst den „Orest“, Schiller vollendete hier seine „Maria Stuart“.

Carl Alexander und Sophie machten Ettersburg, so Krause, erneut zu einem Ort „intellektueller Ausstrahlung”, zu einem künstlerischen Zentrum des „Silbernen Weimarer Zeitalters“ mit Anziehungskraft für die damalige europäische Intelligenz. Franz Liszt reiste nach Ettersburg, ebenso Friedrich Hebbel oder der Däne Hans Christian Andersen. Selbst das Bauhaus gehe auf Gründungen Carl Alexanders zurück. „Das wird in seiner Bedeutung und Wirkung bis heute eher unterschätzt”, ärgert sich der Schlossdirektor mit Blick auf den 200.Geburtstag des Großherzogs. Nach der Fürstenenteignung 1919 wurde Ettersburg 1923 ein Landerziehungsheim und ein bedeutender Ort für die Reformpädagogik. Wernher von Braun, der auf dem Ettersberg seine ersten Raketengebastelt haben soll, drückte hier die Schulbank, genauso wieder Verleger Wolf Jobst Siedler.

„Mit dem Bau des KZ Buchenwald durch die Nazis wurde Schloss Ettersburg nicht nur abgeschnitten, sondern aus dem Bewusstsein der Weimarer und auch Erfurter verdrängt”, analysiert Krause. Davon hat sich der Ort, der allerdings nie wirklich öffentlich war, bis heute nicht erholt. Nach 1945 ließ die für etliche Justizmorde verantwortliche DDR-Ministerin Hilde Benjamin („Rote Hilde”) auf Schloss Ettersburg, das nun als Richterinternat den Namen „Max Fechner” trug, linientreue SED-Juristen ausbilden. In den Sechzigern war in Ettersburg ein Altersheim untergebracht, bevor es 1981 dem Verfall preisgegeben wurde. Nach der Wende war es dann zunächst das Verdienst des „Kuratoriums Schloss Ettersburg”, dass die Ruine nicht in Vergessenheit geriet.

Das Bildungswerk der hessischen und thüringischen Bauindustrie hat 2005 einen Pachtvertrag für 55 Jahre abgeschlossen. Höhe der Pacht für die Welterbe-Ruine: null Euro. „Die Bauindustrie hat vier Millionen Euro Eigenmittel in die Sanierung gesteckt”, erläutert Krause. Hinzu kamen noch vier Millionen von der EU und zwei vom Freistaat. Heute verfolge man ein einmaliges Konzept: Ettersburg umfassend zu „revitalisieren” durch Bildung, Kultur, Wissenschaft und „Kommunikation“. Hinzu kommen Hotelbetrieb und Gastronomie, denn der gemeinnützige Betrieb, der bauliche Erhalt und die Kultur wollen finanziert sein. Nicht nur nebenbei ist Krause noch Geschäftsführer der Bauhaus-Akademie, einer gemeinnützigen GmbH für akademische Weiterbildung, mit Sitz im Schloss. Der Hotelbetrieb kann 23 modernausgestattete Zimmer und fünf Suiten anbieten. Von exklusiven Familienfeiern bis Klausurtagungen, Workshops, Konferenzen von Wirtschaftsunternehmen, Kulturinstitutionen oder Parteienreicht die Angebotspalette. Außerdem heiraten gut 100 Paare jährlich in einem der „schönsten Säle Thüringens”. „Bei uns kann man sich im Weißen Saal standesamtlich und in der Schlosskirche kirchlich trauen lassen, dann in großer Runde im Schloss und unter dem Tulpenbaum feiern, schließlich übernachten. Das gibt es nirgendwo sonst.” Schließlich sei das Schloss ein Wirtschaftsbetrieb. „Wir erhalten ein Weltkulturerbe aus eigener Kraft.” Vielleicht sogar mit Gewinn? Krause lacht: „Wenn wir hier mit Kultur, Bildung und Erhalt eines barocken Denkmals Plus machen würden, bekämen wir den Wirtschaftsnobelpreis. Aber wir sind nichtweit entfernt!”