Lütsche-Stausee, ein magischer Kraftort

Lütsche-Stausee, ein magischer Kraftort
Die Autorin Pauline Werner verrät ihren ganz persönlichen Thüringer Geheimtipp

Autorin: Livia Schilling

Dichte Nebelschleier zwischen den Bäumen. Feucht und kalt fühlt sich die Luft im November an. 50, vielleicht auch mal 100 Meter weit reicht der Blick. Nicht über den See, aber den Rand. Ein bisschen Moos, Nadelbäume und Kies findet das Auge. Seltsam klar ist die graue Luft, sauber und rein. Der Zufluss, die „Wilde Gera“, plätschert leise. Ein sanftes Rauschen erklingt aus den Wipfeln des Waldes.

Eingemummelt im dicken Wintermantel und kuschligem Schal, elegant und mit überschlagenen Beinen, sitzt sie auf einem der großen Steine am Uferrand und atmet tief durch. In der Hand eine Tasse Glühwein. „Einst führte mich eine besondere Liebe an diesen Ort. Heute bin ich immer wieder hier zum Aufatmen, Loslassen und Krafttanken. Für mich hat es etwas Magisches“, versucht Pauline Werner das Besondere des Lütsche-Stausees in Worte zu fassen.

Kilometerlang schlängelt sich die Straße südlich von Frankenhain im Ilmkreis durch den Wald bis zum See. Die Navigation hat sich bereits im Dorf verabschiedet. Nicht wenige Anreisende glauben, sie hätten sich verfahren. Wer nicht aufgibt und einfach weiterfährt, entdeckt irgendwann die kleine Staumauer, ein paar Ferienhäuser, einen Campingplatz… Vor allem aber viel Raum zum Innehalten und Alleinsein. Selbst im Hochsommer gibt es all dies hier. Und viele Menschen suchen und brauchen diesen Raum. Um sich zu sammeln, die Gedanken zu sortieren. So wie Pauline Werner.

Im realen Leben arbeitet sie in einem Krankenhaus: „Täglich erfahre ich dort, wie begrenzt das Leben ist und lerne so, Dankbarkeit zu empfinden, für das, was ich habe. Ich lebe intensiv und emotional. Schaue darauf, wie es mir geht und denke nicht darüber nach, was könnten andere von mir denken.“ Nach dem verantwortungsvollen Job ist das Schreiben ihr Ausgleich. Zunächst nur für sich, immer mehr für andere. Bis hin zum ersten eigenen Buch. „Der Nächste, bitte…!“ – die Geschichte von vier Freundinnen auf dem gemeinsamen Weg durchs Leben und zum Traummann. Unzählige Lesungen hielt die 48-Jährige bereits. Führt seit Jahren einen eigenen Blog. Ein weiteres Werk ist im Entstehen. Mit dem Schreiben drückt sie sich aus, hält fest, was sie bewegt.

Dafür braucht es die perfekte Mischung aus Inspiration und einemfreien Kopf. „Dies ist dafür mein magischer Ort. Ein Ort voller Frieden und Kraft. Hier spüre ich eine ganz besondere Leichtigkeit und es gibt Momente zwischen Himmel und Erde, die man nicht in Wortefassen kann, da ist man sich ganz besonders nah“. Und so Pauline und sie fügt fast entschuldigend hinzu: „Ich weiß, das klingt verrückt. Aber ich weiß auch, dass es viele Menschen gibt, die mit bestimmten Orten und Ritualen etwas ganz Besonderes verbinden, und so geht es mir mit diesem See. Hier nahm ich Abschied von der Vergangenheit und freute mich auf Neuanfang und Zukunft.“

1935 begann der Bau der Talsperre. Mit derem weichen Wasser sollte die Versorgung der Dampflokomotiven der Deutschen Reichsbahnabgesichert werden. Heute wird lediglich etwas Brauchwasserentnommen, der Stausee ist vor allem ein Ort für Ruhesuchende, Wanderer und Camper. Auch Pauline fährt übers Jahr immer wieder für ein paar Stunden an ihren „Kraftort“: „Spätestens im April gibt es hier mein erstes Picknick mit Freundinnen und das gleißende, helle Licht und die dunkle, fast unheimliche Staumauer mit den Begrenzungssteinen bilden einen faszinierenden Kontrast. Im Sommer ist das Baden in dem seidenweichen Wasser ein Muss, kleine Fische berühren die Beine, und am Ufer findet wirklich jeder sein ruhiges Fleckchen Erde.“ Sie nippt am heißen Glühwein und erkennt auch an einem trüben Novembertag das ganz Besondere: „Egal, ob es grau und trostlos wie heute scheint oder sich das wunderbare Herbstlicht hier im Tal bündelt und die bunten Farben der Bäume leuchten –– ich finde immer wieder etwas Neues und Berührendes. Hier halte ich inne und damit mein Leben ein wenig an, ganz besonders jedoch im Winter: Unter dem Schnee scheint die Magie für ein paar Wochen versteckt zu sein. Liegt wie eine weiße Decke auf ihm, bis sie der Frühling wieder freigibt.“

Jede Jahreszeit bietet Pauline an „ihrem“ See Momente zum Innehalten, zum Krafttanken. Für neue Ideen und Projekte. Für Worte, denen sie Leben einhaucht. Damit es bald vollendet werden kann – das zweite Buch. Demnächst erscheint ihr Blog „Provinzgeschnatter” gedruckt. Und der Fortsetzungsroman von „Der Nächste, bitte…!“ ist in Arbeit. Erstmals verrät Sie den Namen: „ ,Herzensschwestern’ soll er heißen, und ich freue mich vor allem auf die Lesungen. Alleine, aber auch mit anderen Autoren und mit Musik. Und auch hier werden meine Leser Magisches finden, das an diesem See seine Wurzeln hat.”