Oberhof am Rennsteig: Wintersportvielfalt auf kleinstem Raum

Oberhof am Rennsteig: Wintersportvielfalt auf kleinstem Raum
1.700 Einwohner – 150.000 Übernachtungsgäste

Der kleine Ort Oberhof kann nicht nur durch seine pittoreske Lage am Rennsteig punkten, sondern verfügt auch über die größte Sportstättendichte Europas, deren zahlreiche Attraktionen es zu erleben gilt.

Autor: Lutz Granert

Wenn die Temperaturen sinken, erwacht das kleine Städtchen am Rennsteig erst richtig zum Leben. Oberhof ist dabei über Thüringens Grenzen hinaus vor allem als Austragungsort von sportlichen Großereignissen im Wintersport bekannt. Vom 4. bis 7. Januarstartet die Wettbewerbs-Saison mit dem „BMW IBU Weltcup Biathlon“, der jährlich etwa 60.000 Besucher anlockt. Am 13. und14. Januar findet der 7.-Viessmann-Rennrodel-Weltcup und am10. und 11. Februar der 41. Rennsteig-Ski-Lauf statt. Abseits der Events zum Zuschauen bietet die Kleinstadt aber auch zahlreiche Möglichkeiten, es den thüringenweit etwa 6.000 Mitgliedern im Thüringer Skiverband gleich zu tun und sich selbst im Schnee zubewegen. Mehrere Hundert Kilometer für den Langlauf präparierte Strecken in allen Schwierigkeitsgraden führen rund um die kleine Gemeinde. Diese hat auch Andreas Schlütter schon befahren. Der gebürtige Suhler trainierte über 20 Jahre in Oberhof und gewann in seiner sportlichen Karriere insgesamt fünf Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Heute ist er sportlicher Leiter Skilanglauf beim Deutschen Skiverband und ruft Sportmuffeldazu auf, sich einmal selbst auf die Bretter zu stellen: „Wer wandern gehen kann, kann auch Skilaufen. Der einzige Unterschied: man läuft mit Skiern unter den Füßen geradeaus. Am Anfang kann man sich die Ausrüstung auch ausleihen. Empfehlenswert ist auf jeden Fall ein Skikurs. Dort lernt man nicht nur die richtige Technik, sondern bekommt auch vermittelt, was zu tun ist, wenn mal jemand entgegenkommt oder man bremsen muss.“

Wenn er von Oberhof spricht, gerät er ins Schwärmen – und das nicht nur, weil hier Heimatgefühle aufkommen. „In Oberhof findet man die perfekten Bedingungen für Leistungs- und Breitensport. Sehr viele Disziplinen und Sportstätten sind unter einem Dach vereint: Von Rodeln bis hin zu den Nordischen Sportarten und Biathlonfindet man in Oberhof alles. Aus diesem Grund gibt es vor Ort eine sehr hohe Dichte an Leistungssportlern. Bemerkenswert ist auch, dass die meisten Loipen, also auch die Weltcupstrecken, von Freizeitsportlernkostenfrei genutzt werden können.“ Dennoch sieht Schlütter einige Herausforderungen, denen sich der Weltcup-Standort Oberhof in den kommenden Jahren stellen muss: „Auf der einen Seite haben wir in Oberhof die perfekten Rahmenbedingungen für eine leistungssportliche Ausbildung unserer Athleten, auf der anderen Seite gehen die Zahlen im Nachwuchsbereich kontinuierlich zurück. Die Kinderentscheiden sich häufig für etwas anderes als den Wintersport. Früher hatten wir bis zu 400 Schüler, die in der Region um Oberhof aktivwaren. Von denen haben es dann vier bis fünf bis in die Weltspitze geschafft. Heute sind es vielleicht noch 200 in den verschiedenen Vereinen. Entsprechend dünner wird die Personaldecke dann in den älteren Jahrgängen auf dem Weg zur absoluten Spitze.“

Training unter Wettkampfbedingungen – das ganze Jahr über

Talente werden vor Ort in der Eliteschule des Sports geformt. Eine der Absolventinnen des Staatlichen Sportgymnasiums in Oberhof ist Theresa Eichhorn. Die 25-Jährige hat die Freude am Wintersport in früher Kindheit in Biberau entwickelt, wechselte dann ans Sportgymnasium und entschied dort nachdem Abitur, als Sportsoldatin bei der Bundeswehr professionell Skilanglauf zu betreiben. Inzwischen kann sie auf einige Erfolge zurückblicken: Im März 2017 siegte sie etwa im Finale des Verfolgerrennens beim Skilanglauf-Continental-Cup im österreichischen Seefeld. Auch sie lobt die Infrastruktur in Oberhof: „Hier herrschen die besten Bedingungen: Wir haben Trainer, bei denen ich mich gut aufgehoben fühle. Etwa Axel Teichmann, der gerade seine Trainerausbildung abgeschlossen hat und frischen Wind hereinbringt. Wir haben die verschiedenen Rollerbahnen, wir haben die Bundeswehr, Krafträume. Das hin und wieder neblige und regnerische Wetter schreckt mich auch nicht ab.“ Und gerade, wenn Petrus mal wieder einen Strichdurch den Trainingsplan macht, wird auf den Pisten auf künstlichen Schnee aus der Beschneiungsanlage oder gleich auf Indoor-Training in der 2009 eröffneten DKB-Skiport-Halle gesetzt. Besonders beliebt ist bei Touristen hier – wenn sie sich nicht selbst auf die Bretter stellen und abfahren wollen – der Besucherbalkon. Hier erhalten sie einen Überblick über die zwei Kilometer lange Strecke in Deutschlands einziger Skilanglauf und Biathlonhalle und können mit etwas Glück auch den einen oder anderen Weltmeister beim Training entdecken. Im Oktober lief hier mit dem Norweger Ole Einar Bjørndalen zum Beispiel der mit acht Goldmedaillen erfolgreichste Biathlet aller Zeiten seine Runden.

Events mit Weltmeistern hautnah

Über die Geschwindigkeiten beim Skilanglauf kann Ronald Kabitzsch nur lächeln. Er ist Betriebsleiter des Skilifts Fallbachhang der Oberhof-Sportstätten-GmbH, die unter dem Dach des „Zweckverband Thüringer Wintersportzentrum“ für die touristische Nutzung der Anlagenzuständig ist. Kabitzsch selbst kümmert sich um die touristische Nutzung des Fallbachhangs, bei dem gerade die Erneuerung des Sessellifts ansteht, die bis Mitte Dezember abgeschlossen sein soll. Auch die touristische Nutzung der Rennschlitten- und Bobbahn fällt in seinen Verantwortungsbereich. Wer sich hier von Oktober bis Februar im europaweiteinzigartigen Ice Rafting versuchen will, donnert aufgeteilt in zweischlauchbootähnlichen Gefährten mit Vierer- oder Sechserbesetzung mit bis zu 80 km/h den Eiskanal hinab. Beim Ice Tubing, der Einzelfahrvariante, bei der ein Reifen mit vorne zugespitzter Form als fahrbarer Untersatzdient, sind es immerhin noch 40 bis 50 km/h, die möglich sind. „Oberhof ist sehr vielseitig, in allen Belangen“, weiß der gebürtige Oberhofer Kabitzsch, gerade auch im Hinblick auf diese beiden Fun-Sportarten. Seit vergangenem Winter können Touristen auf der Rennschlitten und Bobbahn auch Weltmeister oder Olympiasieger hautnah erleben. An fünf Terminen vom 22. Dezember bis 24. Februar 2018 haben Besuchernach Buchung auch dieses Jahr wieder die Möglichkeit, im Viererbob mit Maximilian Arndt, Matthias Höpfner oder Martin Putze als Pilot oder Anschieber den Kanal im Viererbob hinabzufahren. Ein Event mitgroßer Strahlkraft, das inzwischen wieder nahezu ausgebucht ist. Wintersport-Tourismus und Oberhof gehören eben untrennbar miteinanderzusammen. Das weiß vermutlich niemand besser als Carsten Blank, Geschäftsführer der Oberhof-Sportstätten-GmbH, wenn er ein paar beeindruckende Zahlen nennt. Etwa 500.000 Tages- und 150.000 Übernachtungsgäste besuchen Oberhof mit seinen etwa 3.000 Betten in Hotels und Pensionen pro Jahr. „Mit den 400.000 Übernachtungen liegen wir thüringenweit auf Platz drei, gleichhinter Erfurt und Weimar. Und das, obwohl Oberhof gerade einmal knapp 1.700 Einwohner hat. Wir verfügen hier auf einer Luftlinie von fünf Kilometern zwischen Fallbachhang, Rennschlitten- und Bobbahn und DKB-Ski-Arena bis zur DKB-Skisport-Halle über die größte Sportstättendichte in ganz Europa. Und in der DKB-Skisport-Halle können wir 365 Tage im Jahr Schnee bieten. Wer kann das sonst?“ Wahrlich, als Wintersportler kommt man an Oberhof nicht vorbei.

Interview Matthias Höpfner

„Die Leute sehen anders aus, wenn sie unten ankommen“

Der Erfurter Matthias Höpfner startete bei der Weltmeisterschaft 2008 in Altenberg und errang neben dem ersten Platz im Team die Bronzemedaille im Viererbob. Heute ist der 41-Jährige Bob-Trainer der Junioren im Bundesstützpunkt Oberhof. Beim „Bobfahren mit Weltmeistern“ ist er als Pilot mit dabei.

Das Bobfahren mit Weltmeistern findet nun zum zweiten Mal statt. Wie waren Ihre Erfahrungen bei der Premiere?

Wir waren zu 100 Prozent ausgebucht und haben zu viert an den vier Terminen jeweils 15 bis 20 Teilnehmer die Bahn hinuntergeschickt. Das war ein Volltreffer. Als Neuerung haben wir auch eine Führung durch die Anlage gemacht. Dafür haben sich Maximilian Arndt und ich mit den Leuten am Ziel getroffen und wir haben ein paar Geschichten rund ums Bobfahren erzählt. Wichtig war vielen Besuchern, dass wir vor und nach dem Start ein Foto machen, da die Leute etwas anders aussehen, wenn sie unten ankommen.

Inwiefern?

Hier gibt es eine große Spanne, wie die Leute auf die Fahrt im Bob reagieren: Zwischen Schockstarre und Adrenalinausschüttung ist dabei alles zu beobachten. Viele, die mitfahren, sagen, sie hätten sich das ganz anders vorgestellt und fragen sich, wie der Pilot überhaupt etwas sehen kann, da er durch den permanenten Druck den Kopf immer in Richtung Brust anlegen muss.

Kann prinzipiell jeder im Bob mitfahren?

Die Leute, die Bobfahren nur aus dem Fernsehen kennen, sind immer verwundert, dass auch so große, breitschultrige Männer in den Bob passen. Das ist kein Problem. Das Wichtigste ist, dass die Leute gesund wieder aussteigen: Wer Probleme mit den Bandscheiben hat, sollte lieber auf eine Bobfahrt verzichten.  Aber bisher ist hier noch nichts passiert, toi toi toi.