Flughafen Erfurt-Weimar: Auftrieb für Thüringen

Flughafen Erfurt-Weimar: Auftrieb für Thüringen

Tourismus und Reisen - Besser Leben in Thüringen

Interview mit Geschäftsführer Uwe Kotzan.

Neue Flugverbindungen und nächtliche Aktivitäten am Flughafen Erfurt-Weimar.

Herr Kotzan, mancher hält ja Regionalflughäfen wie den Erfurter für Vergeudung von Steuergeldern, andere heben die positiven wirtschaftlichen Effekte für die regionale Entwicklung hervor. Zu denen zählen sicherlich Sie. Was bringt also der Erfurter Flughafen für Thüringen?
Der Flughafen Erfurt hat eine große Bedeutung für die ganze Region in vier Bereichen. Zunächst einmal sind wir ein Charterflughafen für Urlaubsflüge. Im vergangenen Jahr hatten wir 280 000 Fluggäste.

Das bringt uns den größten Umsatz. Als Ferienflughafen bedienen wir im Sommer alle sogenannten „Warmwasser-Ziele“, die bis zu vier Flugstunden entfernt liegen, wie etwa die Kanaren, Antalya oder Ägypten. Zudem verbuchen wir jedes Jahr rund 50 Sonderflüge zu ausgewählten Destinationen, oft Gruppenreisen, meistens organisiert von Vianova, einem Reisebüro in Weimar, sowie von Reisejournal on Tour der Mediengruppe Thüringen. Zweitens haben wir als Verkehrsflughafen der obersten Ausbaustufe eine große Bedeutung für den qualifizierten Geschäftsreiseverkehr der Region. Allein der bringt uns mehr als 5000 Flugbewegungen pro Jahr – ein wichtiger Standortfaktor für die Industrie und er befördert Neuansiedlungen in ganz Thüringen. Unser großer Vorteil: Wir können Flüge bei jedem Wetter abfertigen.

Fehlen noch der dritte und vierte Punkt …
Wir sind nicht mit einem Nachtflugverbot belegt. Der 24-Stunden-Betriebgibt uns Wettbewerbsvorteile und macht uns zu einem wichtigen Flughafen für Rettungs- und Polizeiflüge. Und wir fertigen zunehmend Frachtflüge ab. Wir sind Bestandteil des Express-Frachtdrehkreuzes von Fedex, TNT. Die kommen mit zwei Umläufen in jeder Nacht nach Erfurt und sind an das Drehkreuz Lüttich angebunden.

Lässt sich der wirtschaftliche Impuls des Flughafens in Zahlen fassen?
Was soll man da alles mit einbeziehen? Der Flughafen Erfurt-Weimar hat 130 festangestellte Mitarbeiter und beschäftigt rund 40 Saisonkräfte. Zudem arbeiten auf und an dem Flughafengelände hoch qualifizierte Spezialisten anderer Firmen, etwa bei der Flugzeugwartung der Germania. Insgesamt arbeiten 500 Menschen auf dem Flughafengelände. Hinzu kommen noch viele Betriebe, die für den Flughafen alle möglichen Handwerks- oder Dienstleistungen erbringen und ebenfalls Menschen Arbeit geben. Zudem bringen wir Gäste nach Thüringen, die hier in Hotels wohnen oder einkaufen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Dennoch gibt es die Kritik, ein Flughafen wie Erfurt könne bestenfalls im operativen Bereich gewinnbringend arbeiten, aber nicht, wenn man die notwendigen hohen Investitionen einrechnet.
Alle Flughäfen mit weniger als einer Million Passagieren pro Jahr kämpfen mit der Kostendeckung. Ihr Problem ist, dass sie aus guten Gründen für Flugsicherung und Luftsicherheit wie beispielsweise Feuerwehr oder Rettungswesen dieselben hohen Auflagen wie die größeren Flughäfen erfüllen müssen.

Das ist ja beruhigend!
In der Tat! Seit letztem Jahr sind wir übrigens als internationaler Flughafen nach den neuen europäischen Richtlinien zertifiziert.

Noch einmal zurück in den an Turbulenzen reichen Bereich von Gewinnen und Verlusten …
…gerne! Die Zielvorgabe war und ist klar: Im operativen Betrieb werden wir ohne Zuschüsse auskommen müssen. Genau dies sieht unsere Planung vor. Bis 2024 wollen wir im operativen Betrieb ohne Subventionen des Steuerzahlers auskommen. Was Regionalflughäfen jedoch immer brauchen werden, sind Zuwendungen im hoheitlichen Bereich wie beispielsweise Flugsicherung, Luftsicherheit, Lösch- und Rettungswesen. Das ist etwa ein Betrag von einer Million Euro pro Jahr.

Und Investitionen?
Auch größere Investitionen, wie beispielsweise die Sanierung der Start- und Landebahn, können wir nicht mit operativen Erlösen stemmen. Ein Beispiel: Muss ein Löschfahrzeug der Flughafen-Feuerwehr ersetzt werden, kostet das 800 000 Euro. Solche hoheitlichen Kosten müssen auch in Zukunft vom Hauptgesellschafter, dem Freistaat Thüringen, getragen werden.

Flughafen ErfurtDer Flughafen Erfurt hat ja eine Menge konkurrierender und größerer Flughäfen wie Leipzig in der Nähe. Macht Ihnen das zu schaffen?
Nein, überhaupt nicht. Flughäfen konkurrieren nicht, sie kooperieren eher, beispielsweise bei Rettungsdiensten.

Das klingt edel und gut …
… entspricht den Tatsachen! Die Flughäfen um Erfurt herum liegen nach Kriterien des zivilen Luftverkehrs nicht in der Nähe. Man spricht bei Regionalflughäfen von einer „catchment area“, einem Einzugsgebiet von einer Stunde Fahrzeit. Leipzig, aber auch Dresden und Frankfurt sind weiter entfernt. Kassel spielt nur eine untergeordnete Rolle. Selbst mit der neuen Bahnverbindung liegt Leipzig mehr als eine Stunde von Erfurt entfernt. Wir alle kommen uns nicht in die Quere.

Das heißt: Urlauber fahren nicht mehr quer durch Deutschland oder ins benachbarte Ausland, um einen besonders günstigen Charterflug zu ergattern?
Das gibt es immer weniger. Die Dumpingpreise von Ryanair oder anderen Billigfliegern nivellieren sich allmählich, weil man solche Preise nur anbieten kann, wenn man keinen oder einen schlechten Service hat. Wer für Gepäckaufgabe oder Essen an Bord extra zahlen muss, kann gleich eine andere Airline vor Ort buchen.

Was kann denn Fluggäste schlimmstenfalls von einem Flughafen fernhalten?
Wenn die Dienstleistungen nicht stimmen. Deshalb ist es für uns besonders wichtig, dass Dinge wie leichte Anfahrt und gute und vergleichsweise preisgünstige Parkmöglichkeiten garantiert sind. Insgesamt muss der Service besonders dann exzellent sein, wenn mal etwas schiefläuft, beispielsweise bei Flugverspätungen. Damit erzielen wir unsere hohe Kundenzufriedenheit. Übrigens: Nicht wir machen die Preise für die Flüge. Die werden von Fluglinien und Reiseveranstaltern festgelegt. Wir verdienen unser Geld mit Service und Handling.

Es wird beklagt, dass die Zahl der Flüge und der Flugziele in Erfurt zu gering sei.
Was kaum jemandem bewusst ist: Nicht der Flughafen Erfurt sucht sich neue Fluglinien und Ziele, sondern der Markt wird von den großen und mittleren Reiseveranstaltern wie Thomas Cook, Tui, Neckermann, Alltours oder FTI bestimmt. Die kaufen, meistens im August und September, die Flugzeuge für das kommende Jahr bei den Airlines ein. Wir sind dann als dritter Vertragspartner dabei und managen die Flüge hier vor Ort. Die vierten Vertragspartner im Boot sind die Reisebüros, die die Flüge verkaufen.

Dann sind also Reiseveranstalter und Airlines dafür verantwortlich, dass in diesem Jahr mit 280.000 etwa 30.000 Passagiere weniger von Erfurt aus fliegen als 2017?
Stimmt exakt. Wir haben in diesem Jahr schlicht weniger Kapazitäten.

Und Sie könnten mehr Flüge abwickeln?
Eindeutig ja! Die Nachfrage ist derzeit spürbar größer als das Angebot, aber derzeit sind die Charter-Kapazitäten im Markt geschrumpft. Das hängt noch immer mit der Insolvenz von Air Berlin zusammen. Der gesamte Markt in Europa hat sich verschoben. Wenn die Kapazitäten kleiner werden, konzentrieren sich die Charterfluggesellschaften auf die Flughäfen mit möglichst vielen Umläufen pro Tag – und das sind leider nicht wir.

Dann dürften diese Marktmechanismen nach der Air-Berlin-Pleite auch höhere Flugpreise für Urlauber bedeuten!
Das wiederum kann ich für Ferienflieger nicht bestätigen. Allerdings sind die Ticketpreise im Linienflugverkehr gestiegen.

Wie wollen Sie denn in Zukunft wieder mehr Flieger nach Erfurt holen?
Ganz einfach: In einiger Zeit wird sich der Markt wieder mit mehr Kapazitäten stabilisiert haben. Im nächsten Jahr führen wir Gespräche mit verschiedenen Reiseveranstaltern, die sich auf dem deutschen Markt nicht mehr bedienen können. Die holen wir aus den Zielgebieten. So hatten wir zum Beispiel noch vor einigen Jahren fünf oder sechs Airlines aus der Türkei in Erfurt, jetzt noch zwei. In der Türkei ist der russische Touristenmarkt inzwischen eingebrochen. Das gibt uns die Chance, türkische Fluggesellschaften nach Erfurt zurückzuholen. Wir wollen mit denen langfristige Verträge abschließen. Aber wie gesagt: Wir als Flughafen kaufen weder Flugziele noch Passagierkapazitäten.

Billigfluglinien wie Ryanair lassen sich mancherorts von Kommunen mit Flughäfen jeden einzelnen Fluggast direkt subventionieren …
So etwas machen wir in Erfurt definitiv nicht. Es gibt eine Entscheidung der EU-Kommission, nach der solche Zuschüsse zurückgezahlt werden müssen. Wir kaufen uns keinen Verkehr ein, es muss sich rechnen.

Und Sie locken auch nicht mit anrüchig niedrigen Start- und Landegebühren?
Absolut nicht. Das wäre auch Quatsch. Unsere Gebührenordnung ist von Aufsichtsbehörden genehmigt und auf Dauer kann man sowieso nur mit rentierlichem Flugverkehr ohne operative Zuschüsse auskommen. Wirtschaftlich entscheidend ist am Ende vor allem die Auslastung der Flüge.

Wie hoch muss die sein?
Nur wenn die durchschnittliche Auslastung der Charterflüge über 80 Prozent liegt, trägt sich das für alle Beteiligten. Und nur wenn die Reiseveranstalter mit den Flügen Geld verdienen, werden die Flugverbindungen nachhaltig sein.

Erfurt hat etliche Vier-Stunden-Ziele, wie Sie sagen, aber es fehlen die echten Fernziele!
Stimmt. Die gehen alle über Frankfurt und München. Aber das bringt uns nichts, weil niemand für einen Anschlussflug von Erfurt nach Frankfurt oder München fliegt. Diese Flughäfen sind zu nah. Die Reisenden fahren mit dem Zug oder dem Auto dorthin.

Was ist die Lösung?
Wir streben die Anbindung Erfurts an weiter entfernte, große internationale Drehkreuze wie Amsterdam, Paris oder Zürich im Westen und Wien oder Istanbul im Osten an, von denen aus man in alle Welt fliegen kann. Internationale Direktverbindungen, die keine Charterflüge sind, lohnen sich kaum von Erfurt aus. Die letzte, der Flug nach London, wurde vor zwei Jahren eingestellt.

Und innerdeutsche Flüge von Erfurt für Geschäftsreisende? Lässt sich dieser Sektor noch ausbauen? Würden Sie für 400 Euro von Erfurt nach Berlin fliegen?
Wohl kaum. Innerdeutscher Flugverkehr kann von Erfurt aus nicht gewinnbringend sein. Zusätzliche Geschäftsreisende lassen sich in Thüringen zudem nicht einfach aus dem Hut zaubern. Eigentlich sollte ein Regionalflughafen 60 Prozent Geschäftsreisende haben und 40 Prozent Charterpassagiere. In Erfurt ist das Verhältnis aufgrund der Wirtschaftsstruktur erheblich geringer. Diese Einnahmenfehlen uns.

In Erfurt kann 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche gestartet und gelandet werden. Welche strategischen Vorteilebringt das den Airlines bei der Stationierung von Flugzeugen in Erfurt?
Sehr große. Manche Flugzeuge können deswegen Ferienziele zweimal am Tag und nicht nur einmal anfliegen.

Könnte die Steigerung des Frachtflugverkehrs für Erfurt einträglicher sein als immer mehr Ferienflieger?
Nein! In Deutschland haben sich Frankfurt, Köln und Leipzig auf große Frachtvolumen konzentriert. Eine derartige Logistik-Infrastruktur können wir auf unserem Gelände gar nicht aufbauen. Außerdem ist unsere Landebahn für die großen Frachtflieger der transatlantischen Routen zu klein, wir könnten niemals ein internationales Fracht-Drehkreuz werden.

Profitiert der Flughafen vom Ausbau des Erfurter Bahnhofs zum wichtigsten Knotenpunkt im Zentrum Deutschlands oder leidet er darunter?
Die Befürchtungen waren groß, die Bedeutung des Flughafens könnte abnehmen. Das Gegenteil ist eingetreten: Unsere Passagierzahlen steigen, der Bedarf an Flügen wächst. Durch die verbesserte Bahnanbindung erweitern wir unser Einzugsgebiet. Übrigens: Hätten wir einen höheren Anteil an Geschäftsreisenden, würde uns die Bahn vermutlich spürbar Kundenanteile abnehmen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Flughafens?
Unser Ziel sind rund 300 000 Fluggäste aus der Region. Wir hatten zwar schon mal 350 000, aber da waren sehr viele Transitgäste dabei, die nicht einmal das Flugzeug auf dem Rollfeld verlassen haben. Denkbar ist auch, dass wir wieder Aufgaben von Fremdfirmen selbst übernehmen, die Mitarbeiterzahl erhöhen, aber dadurch auch rentierliches Geschäft machen. Die Rentierlichkeit ist unser großes Ziel, um die Auflagen der EU zu erfüllen und die Gesellschafter zu entlasten.

Wann kommt eine zweite Start- und Landebahn?
Niemals. Das Gelände ist dafür gar nicht geeignet.