Grüne Gurken am Christbaum.

Grüne Gurken am Christbaum.
In Lauscha, im Thüringer Wald, ist immer Weihnachten.

Lauscha ist berühmt für die Kunstglasbläserei, die hier auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurückblickt. Und ihr berühmtestes Produkt sind die handgefertigten Christbaumkugeln.

Graue Straßen. Grauer Himmel. Dunkelgraue Schieferschindeln an den Häuserfassaden. Und über allem ein hauchfeiner Nieselregen. So fein, dass bisweilen unklar ist, wo der Regen aufhört und der Nebelbeginnt, der tief ins Tal gekrochen ist und fast die Dachgiebel der höchsten Gebäude in Lauscha berührt. An diesem Herbsttagzeigt der Ort im Thüringer Wald sein unwirtlichstes Gesicht. Vorerst. Denn als der Besucher mutig das Auto verlässt und ein paar Schritte die Hauptstraße hinunter geht, ist es auf einmal da: das Glitzern und Funkeln, Schimmern und Glänzen. Noch tragen die Laubbäume in der Nähe ihre Blätter, auch wenn sie sich schon bunt färben, doch in Lauscha ist Weihnachten. Und für viele Einwohner sogar das ganze Jahr über. So wie für Rolf und Bärbel Köhler, die mitten im Ort das „Jingle Bells“ betreiben. Den kleinen Laden – zwei Räume voller Kugeln, Glocken, Vögelchen, Zapfen und Engel – eröffnete das Paar im Jahr 2000. Dahatte sich Rolf Köhler, gelernter Glasbläser, der früher Vasen und kleine Glastiere schuf, längst auf Christbaumschmuck spezialisiert. „Für uns ist tatsächlich das ganze Jahr über Weihnachten. Im Januar stellen wir die neue Kollektion den Händlern vor und fangen an, die Rohkugeln für das kommende Fest zu produzieren. Den Sommer über haben wir in der Werkstatt gut zu tun, arbeiten Auftragsbestellungen ab und fertigen den Christbaumschmuck, den wir im Advent auf verschiedenen Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland und hier im Laden verkaufen“, sagt Bärbel Köhler. Besonders still ist die „stille Zeit“ für das Paar und seine Mitarbeiter nicht. „Weihnachten ist der blanke Stress. An den Feiertagen sind wir alle fix und fertig.“ Und dann sitzen beide Heiligabend trotzdem unter einem eigenen, geschmückten Weihnachtsbaum.

Geschmückt wird am Totensonntag, wenn der Laden geschlossen bleibt. Ein Tag, den das Paar eigentlich auch nutzen könnte, um noch einmal Luft zu holen vor dem anstrengenden Weihnachtsgeschäft. Aber daheim auf einen Baum zu verzichten, kommt für Bärbel und Rolf Köhler nicht in Frage. „Wenn mein Mann von den letzten Weihnachtsmärkten nach Hause kommt, freut er sich auf die Deko und die weihnachtliche Atmosphäre. Und an Heiligabend möchten wir eben auch gemeinsam unterm Baum sitzen – statt uns nur Bilder der Bäume unserer Kunden anzusehen, die mit unseren Kugeln geschmückt sind.“

Bei Sascha Müller-Schmoß sieht das anders aus. Der Geschäftsführer der „Neuen Glashütte Lauscha“ hat keinen Baum daheim. „Wir haben die Weihnachtsdekoration das ganze Jahr vor Augen und verkaufen bis 6. Januar wie der Teufel. Da brauche ich keinen eigenen Weihnachtsbaum– ich hätte ja ohnehin kaum Zeit, ihn zu genießen“, sagt er und wirkt dabei nicht, als täte ihm das leid.

Der Weihnachtsverkaufsraum in der Glashütte ist in mehrere Abteilungeneingeteilt – jede steht unter einem Thema oder vereint Deko eines bestimmten Farbkonzepts. „Zwei Drittel des Sortiments im Laden ist sehr traditionelle Ware“, hatte Bärbel Köhler im „Jingle Bells“ noch erzählt und auch in dieser Glashütte dominieren Rot, Gold und Silber das Weihnachtsbild. Doch dazwischen setzt Sascha Müller-Schmoß moderne Akzente. Da liegen weiße Christbaumkugeln, über deren Bauch sich in roter Glitzerschrift Noten und Textzeile eines Weihnachtsliedes schlängeln und auf einem kleinen Tischsind Etageren aufgebaut, auf denen täuschend echt aussehende Kuchenstücke, Gebäck und volle Kaffeetassen stehen – alle aus Glas und alle für den Weihnachtsbaum.

„Wir haben die neue Glashütte gegründet, um auch jüngere Leute anzusprechen. Wir wollen das Verständnis für die Glasproduktion wecken, den Leuten zeigen, dass hinter den Produkten noch echtes Handwerk und viel Arbeit steckt. Aber wir wollen auch zeigen, wie kreativ und fantasievoll Glaskunst aussehen kann“, erklärt Sascha Müller-Schmoß und zieht schmunzelnd eine grüne Gurke aus einem kleinen Kasten. Schön ist sie nicht. Die Nussknacker, Vögel und Weihnachtsmänner um sie herum bekämen im traditionellen Weihnachtsbaumwohl den Vorzug. Trotzdem ist sie ein Verkaufsschlager. „Vor allem Amerikaner suchen regelrecht nach der Gurke“, sagt Müller-Schmoß lachend. „Es kursiert dort diese Geschichte, wonach wir Deutsche in unseren Christbäumen immer eine grüne Gurke verstecken. Die Amerikaner erzählen sich, dass die Kinder danach suchen und das Kind, das die Gurke findet, bekäme ein Extra-Geschenk. Deshalb wollen amerikanische Besucher immer unbedingt eine grüne Gurke mitnehmen, während von unseren deutschen Gästen noch nie jemand von diesem Brauch gehört hat.“

Internationale Gäste begrüßt auch Bärbel Köhler jedes Jahr in ihrem Laden. „Zwei Reisegruppen aus Norwegen kommen immer zum Kugelmarkt – und wollen zur Erinnerung jedes Mal ein Foto mit uns machen. Das ist schon fast Tradition“, erzählt sie. Aber auch aus Deutschland fahren immer mehr Kunden gezielt nach Lauscha, um hier Christbaumschmuck zu kaufen. „Die Leute wollen wieder echte Handarbeit und individuelle Stücke, keine Massenware“, sagt Bärbel Köhler und Sascha Müller-Schmoß ergänzt: „Das Qualitätsbewusstsein ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Menschen achten sehr bewusst darauf, wo und wie die Dinge produziert werden, die siekaufen. Und Christbaumschmuck muss man eben in Lauscha kaufen, denn hier steht seine Wiege.“ Tatsächlich entstanden hier 1847 die ersten gläsernen Nüsse und Früchte. Die Legende erzählt, dass ein armer Glasbläser – und davon gab es damals viele in Lauscha und der näheren Umgebung– sie anfertigte, weil er sich echtes Obst und echte Nüsse nichtleisten konnte, mit denen man damals den Baum schmückte. „Aus diesen Anfängen entwickelte sich bald die Christbaumkugel, wie wir sie heute kennen“, sagt Anja Fölsche vom Glasmuseum in Lauscha. Das Museum nimmt eine ganze Etage im selben Gebäude ein, in dem sich heute noch die Farbglashütte Lauscha befindet. Eine ganze Abteilung ist hier dem Christbaumschmuck gewidmet. Anja Fölsche führt zu den großen Vitrinen, in denen der kostbare, uralte Schmuck von damals liegt. So gut erhalten, als wäre er nicht schon mehr als 100 Jahre alt.

Versilberte Kugeln mit filigranen Ton-in-Ton-Mustern auf der Außenseite oder bunte Tiere, Tannenzapfen, Spielzeug und Weihnachtsmänner in leuchtenden Lackierungen – was im Museum sorgsam unter Glas gehütet wird, liegt auch in den Schaufenstern der Glasbläserwerkstätten und Läden in der Stadt. Retro ist in und das schon ein paar Jahrelang. „Die Leute kaufen vermehrt Dekore, die an die Zeiten erinnern, als es noch keine bunten Lacke gab: Das ist Schmuck mit viel Silber, Reflexkugeln, aber auch Figuren wie unsere Vögelchen“, stellt Bärbel Köhler fest. Sie glaubt, dass dieser Trend anhalten wird. „Die Leute haben die ganze Welt gesehen und das Leben bietet unzählige Möglichkeiten, aber zugleich ist es hektischer und anonymer geworden. Mit der Hinwendung zum Alten bauen sie sich ein Nest, eine Heimat. Sie sehnen sich nach Geborgenheit und Heimeligkeit und das kommt eben auch im Retro-Trend zum Ausdruck.“

Für Lauscha selbst sind die guten, alten Zeiten allerdings vorbei. „Es gibt nach wie vor Familien, die von der Herstellung des Christbaumschmucks leben“, sagt Bürgermeister Norbert Zitzmann, „Aber es ist ein mühsames Saisongeschäft, mit dem niemand reich wird. Und es lebt eben nicht mehr der ganze Ort davon.“

Es gab eine Zeit, da war das anders, doch Zitzmann ist niemand, der lange Vergangenem nachweint. Zumal er es ohnehin nicht gern hört, dass sein Ort nur auf den Christbaumschmuck reduziert wird. „Der gläserne Christbaumschmuck wurde hier erfunden und ist heute das typische Produkt aus Lauscha – aber das gilt erst seitetwas mehr als 150 Jahren. Wir waren auch lange davor schon berühmt für unsere Glaskunst“, sagt er und fängt an, sehr lebendig über die Geschichte des Ortes zu erzählen, in der nicht nur die Glasmurmeln, sondern zum Beispiel auch das Glasauge entwickelt wurde und der berühmt war für seine Perlen aus Glas.

1597 erhielten die Glasmacher Hans Greiner und Christoph Müller die Konzession für die erste feste Glashütte. Sand, Soda und Pottasche werden bis heute in solchen Hütten zu flüssigem Glasgeschmolzen. Doch während das damals direkt weiterverarbeitet werden musste, entstehen daraus heute feste, lange Glasstäbe und-röhren. Die kaufen Glasbläser an und schmelzen sie stückweisenach Bedarf wieder ein, um sie weiterzuverarbeiten – zu Figuren, Gefäßen oder Dekorationen. „Diese Entwicklung war eine Sensation, denn nun konnten die Glasbläser das ganze Jahr über zu Hause vor den ‚Lampen‘ Glas blasen und nicht nur zu dem Zeitpunkt, zu dem in der Glashütte geschmolzen wurde. So konnten viel mehr Menschen kontinuierlich mit Glas arbeiten“, erzählt Zitzmann und ist damit doch irgendwie wieder beim Christbaumschmuck, denn der wird auch heute noch an der „Lampe“ geblasen, einem Gasbrenner, der die Glasstäbe und -röhren bei über 1000 Grad schmilzt. Durch das sachte Blasen und das gleichmäßige Drehen formt sich aus dem zähflüssigen Glas dabei eine Kugel, Glocke oder Spitze für den Christbaum. Komplexere Figuren werden direkt in eine Formgeblasen. Mit Silbernitratlösung werden diese Rohkugeln und –formen von innen „ausgespült“, so dass sich ein feiner Film bildet, der nach dem Trocknen den spiegelnden Silberglanz verleiht. Erst danach werden die Kugeln von außen lackiert und von Hand bemalt. Das braucht seine Zeit. Zu viel Zeit für den Weltmarkt. „Trends werden nach wie vor in Lauscha kreiert. Viele kleine Handwerker besetzen hier Nischen, in denen echtes Kunsthandwerk gefragt ist, aber große Märkte können wir nicht bedienen“, sagt Norbert Zitzmann. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war das noch anders. Als der amerikanische Kaufmann Winfield Woolworth 1880auf den gläsernen Christbaumschmuck aus Lauscha aufmerksam wurde und ihn für seine Läden in den USA bestellte, löste er damit einen regelrechten Boom aus. In den Heimwerkstätten der Lauschaer Glasbläser produziert, wurden die Kugeln und Figuren in den folgenden Jahren zum Exportschlager und gingen in die ganze Welt. Doch internationale Händler brauchen heute Mengen, die ein Kunsthandwerker nicht leisten kann – und fordern dafür Preise, die für kleine und kleinste Unternehmen nicht zu realisieren sind. Und trotzdem sieht Norbert Zitzmann in der Globalisierung eine Chance für die Kunstglasbläser aus Lauscha. Er erzählt von einem Vortrag, den er kürzlich vor den Ehefrauen verschiedener Botschafterin Berlin gehalten habe. „Europäerinnen und Amerikanerinnen kannten den Christbaumschmuck natürlich, aber für die Damen aus Asien oder aus dem arabischen Raum klang es völlig abwegig, sich geschmückte Bäume ins Haus zu holen. Unsere Produkte aber fanden sie toll und kündigten an, sie sich ins Fenster zu hängen – und zwar völlig unabhängig von Weihnachten.“

Weihnachtskugeln als Dekoration das ganze Jahr über. Damit würde sich ein Kreis schließen. „Den Weihnachtsbaum und den Christbaumschmuckgibt es zwar erst seit 1850, aber verspiegelte Kugeln und Früchte hängte man auch schon im Barock in die Bäume“, erklärt Norbert Zitzmann, „Nur eben nicht zur Weihnachtszeit und nicht im Haus, sondern im Garten, zum Beispiel als Dekoration für Schäferspiele.“ Vielleicht wäre das auch eine Idee für die Straßendekoration in Lauscha. Damit das magische Glitzern und Funkeln der Weihnachtszeit das winterliche Grau aus der Stadt vertreibt, in der die Wiege des gläsernen Christbaumschmuckes steht.

Autorin: Anita Grasse